Hexensabbat: Wenn sich Börse und Teufelsspuk treffen

Ein Mal pro Quartal kracht es an den Märkten. Dann reden Börsenhändler von „Hexensabbat“ – und die Kurse tanzen, als würden sie einem unsichtbaren Meister gehorchen. Ich verfolge dieses Phänomen seit Jahren und muss zugeben: Die Mischung aus mittelalterlichem Aberglauben und moderner Derivatmechanik ist einer der faszinierendsten Widersprüche der Finanzwelt.

Wichtige Erkenntnisse

  • Der Hexensabbat an der Börse ist kein okkultes Ritual, sondern der vierteljährliche Verfallstermin von Optionen und Futures
  • Das Phänomen geht auf das „Triple Witching Day“ an US-Börsen zurück und hat in Europa über die Eurex eine eigene Dynamik entwickelt
  • Institutionelle Anleger nutzen diese Tage gezielt für Arbitrage und Umschichtungen – private Anleger sollten vor allem eines bleiben: ruhig
  • Der Begriff „Hexensabbat“ selbst hat eine lange Geschichte – vom mittelalterlichen Teufelskult bis zu Goyas berühmtem Gemälde
  • Die Volatilität an diesen Tagen ist messbar höher, aber wer den Mechanismus versteht, verliert die Angst davor

Was ist ein Hexensabbat an der Börse? – Ein Blick hinter den Namen

Der Name klingt nach schwarzer Magie, nach Töpfen voller Gift und Tänzen ums Feuer. Die Realität an der Börse ist weniger glamourös, aber mindestens ebenso spannend. Am Hexensabbat – im Englischen „Witching Day“ genannt – verfallen an den Terminbörsen gleichzeitig eine Vielzahl von Derivaten: Optionen und Futures auf Indizes wie den DAX, aber auch einzelne Aktien.

Warum ausgerechnet „Sabbat“? Die Historiker sind sich nicht ganz einig, aber die geläufigste Erklärung führt zurück ins Mittelalter. Der „Sabbat“ bezeichnete ursprünglich den jüdischen Ruhetag – im Volksglauben des Mittelalters wurde daraus das nächtliche Treffen der Hexen mit dem Teufel. Die Kirche dämonisierte alles, was sie nicht verstand, und so entstand das Bild der Hexenversammlung in der Walpurgisnacht.

Und die Börse? Nun, wenn an einem Tag tausende Derivate gleichzeitig auslaufen und die Kurse wild schwanken, als hätten die Händler einen Bund mit dunklen Mächten geschlossen – dann ist der Name nicht ganz abwegig. Zumindest für diejenigen, die gerade eine falsche Position halten.

„Der Begriff hat sich eingebürgert, weil er das Chaos beschreibt, das an diesen Tagen herrscht“, sagt ein befreundeter Optionshändler, den ich seit Jahren zu diesen Terminen befrage. „Und weil ‚Hexensabbat‘ besser klingt als ‚vierteljährlicher Verfallstermin‘.“

Der große Verfall: So funktioniert der Hexensabbat an der Börse

Wenn Sie schon einmal gehört haben, dass der DAX an einem bestimmten Freitag im März, Juni, September und Dezember besonders wild springt, dann haben Sie den Hexensabbat bereits unbewusst erlebt. Es ist der Tag, an dem die Eurex – die europäische Terminbörse – die meisten ihrer Produkte gleichzeitig auslaufen lässt.

Der große Verfall: So funktioniert der Hexensabbat an der Börse

Die Mechanik dahinter ist eigentlich simpel. Optionen geben dem Käufer das Recht, einen Vermögenswert zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Futures verpflichten beide Seiten zum Handel. Am Verfallstag müssen alle offenen Positionen entweder ausgeübt, glattgestellt oder in bar ausgeglichen werden.

Und genau hier beginnt das Chaos. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Call-Option auf den DAX gekauft und der Index steht knapp über dem Ausübungspreis. Was tun Sie? Ausüben? Verkaufen? Oder hoffen, dass der Kurs weiter steigt? Tausende Händler stellen sich dieselben Fragen – und alle handeln gleichzeitig.

Die Kosten der Absicherung: Wie die Kurse tanzen

Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Im Juni vor zwei Jahren saß ich vor meinem Bildschirm und beobachtete, wie der DAX in den letzten zwei Handelsstunden vor dem Verfall fast 1,2 Prozent schwankte – ohne dass es eine konkrete wirtschaftliche Nachricht gab. Der Grund? Market Maker und institutionelle Anleger schichteten ihre Positionen um, und jeder Impuls wurde durch die Derivatverfälle verstärkt.

Das Volumen an solchen Tagen übersteigt das normale Handelsvolumen oft um das Doppelte bis Dreifache. Nicht, weil alle plötzlich klüger wären, sondern weil die Mechanik des Verfalls sie dazu zwingt. Die Eurex hat dafür sogar spezielle Stunden festgelegt: Die meisten Produkte verfallen am dritten Freitag des Quartalsmonats, die letzte Handelsphase endet für den DAX um 13:00 Uhr – für amerikanische Indizes läuft sie bis in den späten Abend.

Der kleine Hexensabbat: Der unregelmäßige Bruder des großen Verfalls

Nicht jeder Verfallstermin ist gleich. Es gibt den „großen Hexensabbat“ – den Triple Witching Day, an dem in den USA Index-Futures, Index-Optionen und Aktien-Optionen gleichzeitig verfallen. Und es gibt den „kleinen Hexensabbat“, der monatlich stattfindet und nur einen Teil der Derivate betrifft.

Die Verwirrung um den kleinen Hexensabbat ist verständlich, denn die Termine verschieben sich jedes Jahr. Im Kalender für 2026 finden Sie die kleinen Hexensabbate an jedem dritten Freitag im Monat – aber nur die Termine im März, Juni, September und Dezember gelten als große Verfallstage. Wenn Sie also gehört haben, dass der kleine Hexensabbat 2026 besonders wichtig sei, dann stimmt das nur halb: Für die Börse ist er Routine, für die Medien eine Schlagzeile.

Hexensabbat und Walpurgisnacht: Was hat die Börse mit Teufelsspuk zu tun?

Die Verbindung zwischen Börse und Teufelsspuk ist historisch gewachsen. Die Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai galt im Volksglauben als die Nacht, in der sich die Hexen auf dem Blocksberg – dem Brocken im Harz – zum Tanz mit dem Teufel trafen. Der Legende nach kamen sie auf Besen, Mistgabeln und Böcken, um zu feiern, zu fluchen und dunkle Rituale zu vollziehen.

Was hat das mit der Börse zu tun? Ehrlich gesagt: nicht viel. Der Börsen-Hexensabbat hat seinen Namen von der Terminologie der Händler übernommen, die den Verfallstag als „witching day“ bezeichnen. Die Walpurgisnacht spielt an der Börse nur eine untergeordnete Rolle – obwohl es natürlich amüsant ist, dass der 30. April manchmal auf einen Handelstag fällt.

Der Ursprung des Mythos: Vom Schabbat zum Hexentreffen

Die Etymologie des Wortes „Sabbat“ ist ein Kapitel für sich. Ursprünglich kommt es vom hebräischen „Schabbat“ – dem Ruhetag. Im Mittelalter verbreiteten die Kirchen das Gerücht, dass die Juden sich an diesem Tag zu geheimen Zeremonien träfen. Aus diesem antisemitischen Klischee entwickelte sich allmählich die Vorstellung eines nächtlichen Hexentreffens, bei dem der Teufel persönlich erscheint und seine Anhänger huldigen.

Der Maler Francisco de Goya hat diese Vorstellung in seinem berühmten Gemälde „Der große Bock“ festgehalten: eine Versammlung von Hexen, die einem schwarzen Ziegenbock – dem Teufel – huldigen. Das Bild von 1823 ist bis heute die bekannteste Darstellung eines Hexensabbats. Die Börse war weit entfernt von diesen Bildern – aber als die Händler nach einem Namen für ihr quartalsweises Chaos suchten, griffen sie auf dieses dunkle Erbe zurück.

Wann ist der Hexensabbat 2026? Die Termine im Überblick

Für alle, die sich konkret auf die Termine vorbereiten wollen – hier sind die relevanten Daten für 2026. Der große Hexensabbat findet an den folgenden Freitagen statt:

  • 19. März 2026 – erster großer Verfall des Jahres
  • 18. Juni 2026 – der Sommersabbat, meist der ruhigste
  • 17. September 2026 – der Herbsttermin, oft mit erhöhter Volatilität
  • 18. Dezember 2026 – der dezembersche Hexensabbat, traditionell der hektischste

Die kleinen Hexensabbate dazwischen – an jedem dritten Freitag der übrigen Monate – sind weniger spektakulär, aber für Optionshändler nicht weniger wichtig. Der DAX-Verfall an der Eurex erfolgt jeweils um 13:00 Uhr deutscher Zeit, die amerikanischen Indizes folgen am Nachmittag.

Strategien für den Handelstag: Was ich aus Jahren der Beobachtung gelernt habe

Nachdem ich den Hexensabbat nun seit 2021 aktiv verfolge – zunächst als neugieriger Beobachter, später als jemand, der selbst positioniert war – kann ich Ihnen ein paar Dinge sagen, die ich gerne früher gewusst hätte. Ehrlich gesagt, meine erste Begegnung war ein Desaster.

Fehler Nr. 1: Die Panik des ersten Mals

Es war ein Septembertag, ich hielt eine kleine Position in DAX-Futures und wusste nicht, dass der Verfall anstand. Plötzlich sprang der Markt in beide Richtungen, als hätte er einen Koffeinschock. Ich verkaufte in Panik – und verpasste die Erholung, die eine Stunde später kam. Seitdem gilt für mich: Am Hexensabbat wird nicht impulsiv gehandelt. Wer nicht genau weiß, warum er eine Position hält, sollte sie vorher glattstellen – nicht während des Sturms.

Was institutionelle Anleger tun (und was Sie daraus lernen können)

Die großen Akteure – Market Maker, Pensionsfonds, Hedgefonds – nutzen den Hexensabbat für Arbitrage und Umschichtungen. Sie verkaufen teure Positionen, kaufen günstige, und verdienen an den Preisunterschieden zwischen Futures und dem zugrunde liegenden Index. Für private Anleger ist diese Strategie meist nicht nachvollziehbar – und genau deshalb sollten Sie es vermeiden, den Profis hinterherzurennen.

Die bessere Strategie ist oft: Nichts tun. Wenn Sie langfristig investiert sind, ist der Hexensabbat ein Rauschen im Hintergrund. Die historischen Daten zeigen, dass die Kursbewegungen an diesen Tagen zwar größer, aber keineswegs richtungsweisend sind. Wer am Morgen danach auf den Chart schaut, stellt fest: Der Markt hat meist vergessen, dass überhaupt etwas Besonderes war.

Hexensabbat in Kunst und Kultur: Goyas dunkle Vision

Der Begriff „Hexensabbat“ hat die Fantasie der Menschen über Jahrhunderte beflügelt – nicht nur an der Börse. In der bildenden Kunst ist Goyas „Der große Bock“ das berühmteste Beispiel. Das Gemälde zeigt eine Gruppe von Frauen, die dem Teufel in Gestalt eines Ziegenbocks huldigen. Goya malte es in seiner „Schwarzen Gemälden“-Periode, einer Zeit, in der er sich von der Aufklärung verabschiedet hatte und düstere, visionäre Bilder schuf.

Auch in der Literatur und im Film taucht der Hexensabbat immer wieder auf. Der Stummfilm „Häxan“ aus dem Jahr 1922 zeigte die Verfolgung von Hexen im Mittelalter, und moderne Horrorfilme bedienen sich bis heute der Bildsprache des nächtlichen Treffens. An der Börse hat sich davon wenig erhalten – aber der Name ist geblieben, ein Relikt aus einer Zeit, in der man sich das Chaos der Märkte nur als Teufelswerk erklären konnte.

Der Blick nach Amerika: Was der Triple Witching Day anders macht

Der amerikanische Hexensabbat – der „Triple Witching Day“ – findet ebenfalls am dritten Freitag im März, Juni, September und Dezember statt. Der Unterschied zur europäischen Variante: In den USA verfallen drei Arten von Derivaten gleichzeitig – Index-Futures, Index-Optionen und Aktien-Optionen. An der Eurex ist die Struktur etwas anders, aber die Auswirkungen sind vergleichbar.

Die Korrelation zwischen amerikanischem und europäischem Hexensabbat ist ein faszinierendes Phänomen. Da die US-Märkte nachmittags öffnen, während Europa bereits den Verfall hinter sich hat, können die amerikanischen Bewegungen die europäischen Kurse noch am selben Tag beeinflussen – und umgekehrt. Wer die Volatilität verstehen will, muss beide Märkte im Blick haben. Ein Nachteil der Globalisierung, den ich bei jedem Verfallstermin neu erlebe.

Fazit: Der Hexensabbat ist kein Grund zur Angst, sondern zum Verstehen

Die Angst vor dem Hexensabbat ist – wie die Angst vor den Hexen selbst – vor allem eine Frage des Wissens. Wer versteht, dass hier keine dunklen Mächte walten, sondern schlicht Mechanik, der verliert die Furcht. Die Märkte tanzen an diesen Tagen wilder als sonst, aber sie tanzen nach den Regeln der Terminbörsen: berechenbar in der Struktur, unberechenbar im Detail.

Ich habe gelernt, den Hexensabbat zu respektieren, nicht zu fürchten. Meine Regel lautet inzwischen: Positionen vor dem Verfall prüfen, Entscheidungen bewusst treffen, und am Freitagabend den Bildschirm ausschalten. Die Walpurgisnacht ist vorbei, der Besen bleibt im Schrank – und der Markt öffnet am Montag wieder.